Dressurlehrgang mit Hajo Willms, 14.-16.1.11

"Wann kommt ihr wieder?"

17.1.11/cam. Auch alte Hasen staunten, was in den drei Tagen mit Hajo Willms, dem erfahrenen deutschen Trainer, Richter, Ausbilder, Züchter und Reiter in allen Sätteln alles geschah in den drei Tagen. All die in Helvetien so vertrauten Bilder von krummrückigen, stuhlsitzigen, mit 'Lätsch' im Dressursattel herumrutschenden Buschpiloten gehörten der Vergangenheit an. Stattdessen sah man mehr und mehr tief, stolz und gerade sitzende, selbstsicher mit ihren Pferden herumtanzende und zu einer Einheit verschmelzende strahlende Figuren, die sich von Hajo inspirieren liessen. Der studierte Sportpädagoge verstand es meisterhaft, auf jedes Paar zielgerichtet einzugehen und das zurzeit Bestmögliche aus ihm heraus zu kitzeln - oder ein bisschen mehr. Aber nicht nur die Teilnehmer, auch Hajo Willms zeigte sich begeistert über die Lern- und Leistungsbereitschaft der EidgenossInnen, über die teils herausragenden Pferde und nicht zuletzt auch über die ideale Infrastruktur mit der neuen, halboffenen 30x80m grossen Reithalle des KV Winterthur u. Umg., die wir für diesen Anlass benützen durften.

Uns Organisatoren war ja im Vorfeld etwas mulmig zu Mute: Was würde der kompetente, erfolgsverwöhnte und ein ganz anderes Dressur-Niveau gewohnte Norddeutsche über die im Schnitt doch eher bescheidenen Dressurkompetenzen der Tellen-Töchter und -Söhne sagen? Aber die Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Bis auf ganz wenige Ausnahmen zeigten sich die Schweizer Buschfreaks von der diszipliniertesten Seite und versuchten einfach umzusetzen, was der Trainer verlangte. Das so sattsam bekannte Geplapper und Gemotze, all die Ausreden und Schuldprojektionen, bei denen meist das Pferd oder die früheren Reiter, die anderen Trainer, das Wetter, der vorbeifahrende Zug oder der vorbeifliegende Vogel für das Misslingen einer Lektion herhalten müssen - nur nie der 'ggaaggernde' Reiter selbst (wer nicht weiss, was 'ggaaggere' bedeutet, erkundige sich ohne Scheu bei unserem CC-Equipentierarzt Dominik Burger), fand diesmal nicht statt - und wenn, dann ausserhalb unserer Hörweite.

Hajo Willms gehört in der 4*-Prüfung und in der EM in Luhmühlen heuer zum Richtergremium und kann den Reitern nicht nur aus der Sicht des Trainers, sondern auch des Richters klar sagen, was man sehen will und was zum Erfolg führt. Mit traumwandlerischer Sicherheit erkannte er sofort, wo die meisten Helvetier der Schuh drückt: beim Sitz und der selbstsicheren Ausstrahlung, die ein guter Sitz vermittelt. Man muss nicht ein eitel-arroganter Zeitgenosse sein, der den ganzen Tag im hohlen Kreuz herumstolziert - aber auf dem Pferd ist krumm-devote Bescheidenheit einfach nicht am Platz. Hajo Willms sagte Sätze, die für Kleinschweizer-Ohren ungewohnt klangen: "Reitet so auf dem Abreiteplatz herum, dass die andern ihre Pferde einpacken und abreisen!" oder "Weisst du, wie Michael Jung reitet? - Gibt es irgendeinen Grund, NICHT so zu reiten wie er? - Dann tu's doch einfach!" Hajos Training erschöpfte sich aber nicht in motivierenden Sprüchen, die durchaus ihren Effekt hatten auf Haltung, Sitz und Ausstrahlung. Er gab auch ganz konkret handwerkliche Tipps, die sofort ausprobiert und auf ihre Qualität getestet werden konnten. Und er zeigte, dass er in allen CC-Disziplinen gleichermassen zuhause ist. So holte er den begabten Jungen Reiter Davide Randone, der zu Beginn etwas missmutig herum'hötterlete', mit ein paar Sprüngen auf den Motivationspfad zurück und demonstrierte auch gleich, dass sich gute Dressurarbeit umgehend im Springen und im Gelände positiv auswirkt.


Hajo motiviert Nadine Germann, ihre elegante Figur auch im Sattel mehr zur Geltung und ihren rassigen 'Monti' zum Tanzen zu bringen

Was sich unmissverständlich zeigte in dem Lehrgang, war das Bedürfnis der ReiterInnen nach Konstanz, nach nachhaltiger, längerfristiger Begleitung durch einen pädagogisch versierten, charakterlich integren Trainer und Coach, der an 'seine' ReiterInnen glaubt und sie jederzeit auch wieder aufrichten kann, wenn mal etwas schief ging. Umgekehrt zeigte sich auch der Pferdefuss der so winzigen, so marginalen Schweizer CC-Szene: der Konkurrenzdruck ist viel zu klein auf allen Stufen. Der Ponyreiter, der mit knapper Not über eine winzige Basisprüfung stolpert, geht zur EM und ist stolz, wenn er dort bis in die Mitte des Geländekurses kommt. Ähnlich ist es weiter 'oben': wer zweimal nicht auf die Schnauze fällt, ist qualifiziert für's nächste Championat. Dies alles wirkt sich meist kontraproduktiv auf die Leistungs- und Lernbereitschaft der ReiterInnen aus: "Es reicht ja, wir brauchen uns gar nicht so sehr um eine Verbesserung unserer Reiterei zu kümmern!" Diese Haltung ist fatal und führt zu einer in der Schweiz häufig zu beobachtenden faul-bequemen Selbstzufriedenheit, die jeglicher realistischen Grundlage entbehrt. Sie zeigt sich darin, dass solche ReiterInnen mit stupender Eigenbetriebsblindheit über Jahre dieselben Mängel kultivieren und immer eine Ausrede parat haben, anstatt nüchtern - und mithilfe ihrer Trainer und Coaches - ihre Jahresperformance zu analysieren und Verbesserungsmassnahmen zu planen und dann auch durchzusetzen. Und solange die Leitung des Schweizer CC-Sports aus Verwaltungsbeamten, aus braven, reglements- und autoritätshörigen Apparatschiks besteht und nicht aus verantwortungsgierigen Führungspersonen, wird sich daran kaum etwas ändern. - Hajo Willms jedenfalls redete Klartext und machte am Schluss eine kleine Liste, mit wem er gerne im Hinblick auf internationale Auftritte zusammenarbeiten würde. Es sind alles Leute, die eine intakte Lernbereitschaft und Lernkompetenz zeigen, bei denen innerhalb einer einzigen Lektion Fortschritte sichtbar wurden und die es auch schafften, mal für 30 Minuten die Klappe zu halten. Zudem - das schleckt keine Geiss weg - müssen die Team-KandidatInnen gleichzeitig so beritten sind, dass man sich grosse Prüfungen zumindest vorstellen kann. Heinz Scheller zeigte erstmals 'öffentlich' seine Neuerwerbung von der letzten Top Eventers Auktion, den Heraldik-Sohn Herbstkristall, der mit seiner Elastizität und seinem Schwung gleichermassen begeisterte wie Adi Otts Nachwuchscrack Polargräfin und der aus Hajos Stall stammende, über Leschs Top Eventer Auktion 2009 zu Tamara Acklin gelangte Moustiqe. Aber auch bereits bewährte 'Sternli-Pferde' wie Raumalpha und Belle Mykena wuchsen mitsamt ihren Reiterinnen unter Hajos Anleitung über sich hinaus.

Ein grosses Ziel wäre nun, private Sponsoren zu gewinnen, die dieses zu bildende Team mittelfristig zu unterstützen gewillt sind. Hajo setzt sich grosse Ziele wie Olympics, EM und WM. Seine Vision ist es, mit einem Schweizerteam den Deutschen das Fürchten beizubringen. Wir für unsern Teil unterstützen ihn liebend gerne dabei.